Foto von Cécile Sarasin
Kaffeetrinkende Krankenschwestern auf dem Elsässerbahnhof?
Rund zwanzig weiss gekleidete Frauen mit weisser Haube – darunter Cécile Sarasin (1881-1934) – und ein Mann stehen im Halbrund vor dem Fotografen. Sie halten eine Tasse in die Höhe. Im Hintergrund lässt sich ein Bahnhof erahnen. Diakonissen?
Das Bild gibt es zweimal im Staatsarchiv Basel-Stadt: Einmal steht, es seien kaffeetrinkende Krankenschwestern auf dem Elsässer Bahnhof, ein anderes Mal trägt das Bild die Überschrift «Im Badischen Bahnhof zum Empfang der Russland Schweizer».
Im Album des Seidenbandfabrikaten Emil Seiler-La Roche ist das Bild mit einer Legende versehen: Viele der Frauen sind mit einer kleinen roten Nummer gekennzeichnet; die handschriftliche Legende unter dem Bild verrät, dass auch verheiratete Frauen und Frauen unterschiedlicher Religionszugehörigkeiten dazugehörten. Cécile Sarasin trägt die Nummer 17. Sie ist 38 Jahre alt und unverheiratet – «Frl. Cécile Sarasin» steht neben der Ziffer.
Ein ins Album geklebter Zeitungsartikel bringt Licht in die Sache: Am 31. August 1919 lud man das sogenannte Heimschaffungs-Komitee zu einem Nachtessen. Anlass war die Auszeichnung der Schwestern Helene und Mathilde Paravicini mit dem Kreuz der Ehrenlegion, überbracht vom Repräsentant des Departements Vosges. Er dankte den Frauen der Basler Gesellschaft für ihr Engagement im Ersten Weltkrieg: Viele hatten in Hilfskomitees mitgearbeitet und jene Menschen versorgt, die aus den umkämpften Gebieten Frankreichs geflohen waren und deren Weg über die Basler Grenzbahnhöfe geführt hatte.
Die Not der Vertriebenen löste in Basel eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Man versorgte die Ankommenden während ihres kurzen Aufenthalts mit Lebensmitteln und Kleidern – und Cécile Sarasin reihte sich hier ein. Sie war damit keine Ausnahme: Viele Frauen der Basler Gesellschaft engagierten sich ehrenamtlich, nicht nur im Krieg.
Cécile Sarasin starb mit 53 Jahren, ledig. Von hier liesse sich weiterfragen: nach dem ehrenamtlichen Engagement von Frauen – wie es motiviert war, wie es sich über die Jahrzehnte wandelte – und nach dem Leben lediger Frauen aus dem gehobenen Bürgertum. War die Fürsorge ihr einziges Betätigungsfeld? Hatte Cécile Sarasin eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert? Finden wir sie in anderen Quellen wieder?
Aus dem Album Nr. 10 von Emil Seiler-La Roche (18651-933). Foto: Albert Teichmann. StABS PA 743 A 10-60.1